Getürkte Suppe, Mokka und Bağlama: An einem einzigen Nachmittag können Kölner und Stadtbesucher die Türkei entdecken. Auf einer Kulturwanderung durch verschiedene Stadtteile, die unbekannte und oftmals übersehene Orte türkischen Lebens zeigt.

„Als mein Vater nach Deutschland kam, waren ihm Cremesuppen und viele andere deutsche Speisen nicht würzig genug“, erzählt Şöhret Gök im türkischen Gemüsemarkt. „Meine Mutter begann, die Suppen mit roter Paprika, Sumak, Minze und Zitrone aufzupeppen. Danach hat er fast jede deutsche Suppe gern gegessen. – Weil sie „getürkt“ war, sagt sie, und gibt dem Begriff eine ganz eigene, familiär geprägte Bedeutung.

 

Die Idee der Kulturführung

Einmal im Monat bricht die Freizeitreiseleiterin zur Kulturwanderung durch das türkische Köln auf. Unter dem Motto „Köln alla turca“ führt sie die Besucher zu verschiedenen Unternehmen und Institutionen der kölsch-türkischen Bevölkerung. Vom Lebensmittelmarkt, über die Moschee bis hin zum Friseur: Jede Tour stellt Şöhret Gök neu zusammen. Und immer kommt etwas Neues hinzu. „Einen routinemäßigen Ablauf gibt es nicht“, sagt sie. „Wer zu mir kommt, begibt sich auf eine Reise – ohne vorher genau zu wissen, wo sie hingeht.“

 

Diesmal zeigt sie der 15-köpfigen Gruppe den türkischen Buchladen auf der Venloer Straße. In den übersichtlichen Regalen stehen Bücher bekannter türkischer Schriftsteller wie Orhan Pamuk oder Elif Shafak. Daneben religiöse Schriften, Lebensratgeber und Kochbücher. „Ein paar Bücher sind auf Deutsch übersetzt, das meiste ist aber auf Türkisch“, weiß Gök. Für Kinder, die bilingual aufwachsen, gibt es zweisprachige Bücher, um sie an die türkische und deutsche Sprache zu gewöhnen.

 Die Kölner gehen auf Wandertour. Das Konzept von Kulturklüngel, so der Name des Veranstalters, scheint aufzugehen. „Wer fremde Kulturen kennen lernen möchte, muss sich nicht in ein Flugzeug setzen“, meint Tomas Bönig, Initiator und Leiter von Kulturklüngel. „Hier vor Ort, fast vor jeder Haustür gibt es unheimlich viel zu tun und spannende Menschen kennen zu lernen.“ Die Führungen sollen darüber hinaus helfen, Vorurteile gegenüber Immigranten abzubauen, indem sie die Teilnehmer zum Fragen, Ausprobieren und Mitmachen anregen.

 

Deutsche und Türken kommen bei dieser Tour schnell ins Gespräch. Wohl auch, weil die Türkei in Köln so nah ist. Türkische Lebensmittel, Dönerbuden und Kioske an jeder Straßenecke –  doch die vielen anderen Orte türkischen Lebens waren den meisten Besuchern bislang unbekannt, berichten sie. Beispielsweise das türkische Warenhaus Maas, direkt neben der neuen Zentralmoschee. Zwischen Couchgarnituren, Esstischen und Schränken finden sich allerlei Dinge für den türkischen Haushalt: von großen Mokkakannen und Teekochern bis hin zu floral gemusterten Topf-Sets und Tafelgeschirr. Vor einer türkischen Hochzeit sucht sich das Paar hier ihre Geschenke aus, erzählt die junge Verkäuferin Elif Kiziltas. „Die Frau kümmert sich um die Küchenutensilien – der Mann um die Möbel.“

 Weiter geht die Reise Richtung Friesenviertel. „Wenn Sie bei Türken zu Gast sind, kriegen Sie sofort einen Tee oder einen Mokka angeboten“, erklärt Gök. Meist auch ein Töpfchen mit „cerez“, verschiedenen kleinen Knabbereien. So auch in der Anadolu Universität am Friesenplatz, der Kontaktstelle für die Hauptuniversität im westtürkischen Eskişehir. Rund 1.500 Fernstudierende werden in Westeuropa betreut, darunter Studenten der Betriebswirtschaftslehre, Touristik und Soziologie. „Das Angebot richtet sich an alle, die türkisch sprechen – auch an Deutsche“, erklärt Hülya Güreler, Pressereferentin der Universität. „Zudem kann man hier den türkischen Schulabschluss nachholen“. Die Prüfungen werden vor Ort abgelegt, ein Masterstudium in BWL ist zusammen mit der Uni Köln entstanden.

Nach fünf Stunden endet die Tour heute in der Bar „Noa“ in der Maastrichter Straße. Das deutsch-türkische Duo „Kent Coda“ mit Öğünç Kardelen an der Gitarre und Christoph Guschlbauer am Bass empfängt die Gäste mit einem Mitsingkonzert. Nach einem Crashkurs in türkischer Sprache stimmt Sängerin Aylin Doğan die Klänge Anatoliens an, mal melancholisch, mal heiter. Die Zuhörer summen mit und beginnen gedanklich in eine andere Welt zu reisen. Gleichzeitig zupft Aylin Doğan die Bağlama, eine türkische Laute, deren virtuoses Spiel sie von klein auf gelernt hat.

Der Abend klingt aus mit einem gemeinsamen Abendessen. Inhaber Nuh Ersoy empfiehlt Flammkuchen mit Sucuk, einer türkischen Knoblauchwurst. „Wir möchten die Gäste überraschen“, sagt Ersoy, der als Sohn von Gastarbeitern in Deutschland aufgewachsen ist. Mit Multikulti-Speisen und türkischen Zutaten. Sowie einer Bar, die auf den ersten Blick gar nicht türkisch erscheint, sondern eher international. „Damit will ich will zeigen, dass wir Türken endlich hier angekommen sind.“ 

Weitere Infos zur Tour: www.kulturkluengel.de