Sommerurlaub 2022

Reisen oder zuhause bleiben ist diesen Sommer keine Frage mehr. Die Lust, vertraute und fremde Orte zu besuchen, ist groß. Viele Ziele sind wieder bereisbar – doch welches wird am stärksten nachgefragt?

In den letzten zwei Jahren haben viele Menschen auf Urlaub verzichtet. Nur die Mutigen stiegen in den Flieger, sobald ein Reiseziel wieder geöffnet war. Das ist diesen Sommer anders. Entsprechend reisefreudig könnten die Deutschen unterwegs sein. Ich habe mit Branchenexperten über erste Ausblicke gesprochen. Hier das Ergebnis:

Wer kann, verreist: Der Nachholbedarf ist weiterhin groß

Ob Urlaub am Strand oder im Grünen: Im Sommer wird es einen starken Nachholeffekt geben. „Die Sehnsucht nach Abwechslung, Outdoor-Aktivitäten und Abstand vom Alltag ist gestiegen“, sagt die Psychologin und Reisetherapeutin Christina Miro. Zu lange schon leben die Menschen mit Einschränkungen. Daher sei der Stellenwert von Urlaub gestiegen. Zudem hebt ein Ortswechsel die Stimmung: „Urlaubsreisen werden mit positiven Erlebnissen, Freiheitserleben und Erholung assoziiert“, erklärt sie. Das fehlt vielen. Hinzu kommt ein Lerneffekt aus zwei Jahren Pandemie: Im Sommer sinken vermutlich die Inzidenzzahlen. Das bedeutet „Urlaub, nur für kurze Zeit“, so Miro, vor allem in Europa. Auch Kerstin Heinen vom Deutschen Reiseverband hofft auf einen stärkeren Sommer als in 2021. Der Bedarf sei groß, sagt sie. „Ein Umsatzniveau wie vor der Pandemie wird sich aber wohl erst in 2023/24 einstellen.“

Trendziele sind Deutschland, Griechenland, Spanien und Türkei  

„Mindestens ein Drittel der Deutschen wird Urlaub im eigenen Land machen“, so Heinen. Entsprechend mehr Deutschlandreisen finden sich in den Programmen der Veranstalter. Ein Grund: „Reisewillige entscheiden sich in unsicheren Zeiten eher für Ziele, die sie bereits kennen und in denen sie sich wohlfühlen“, sagt sie. Die Regionen in Deutschland waren nach den Lockdowns als erstes wieder bereisbar, gefolgt von den Nachbarländern Österreich, Italien und Schweiz. Psychologin Miro empfiehlt allen einen Urlaub in Deutschland, die ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle und Sicherheit haben. „Hier braucht man keine Angst zu haben, dass man irgendwo festsitzt“, sagt sie. Statt mit dem Flugzeug wird mit dem Auto, Camper oder der Bahn angereist. „Im Zweifel kann man einfacher und schneller nach Hause zurückkehren“, sagt Heinen.

Im Trend liegen auch wieder mehr Flugreisen. „Griechenland, Spanien und Türkei werden im Sommer boomen“, kündigt Heinen an. Portugal und Kroatien können dazukommen. Urlaub wird nicht mehr dem Zufall überlassen. Sonne ist in Südeuropa garantiert, in Deutschland nicht. Veranstalter wie Dertour, Tui, FTI, Alltours und Schauinsland berichten, dass auch die Nachfrage für Fernziele steigt. Gebucht werden Reisen in die USA, nach Ägypten, in die Karibik oder auf die Inseln im Indischen Ozean. Anders als im letzten Jahr sind wieder fast alle Flugziele zu erreichen.

Länger, komfortabler, privater: Sommerurlaub darf mehr Kosten

Weniger Sommerurlaub in den letzten Jahren, wird jetzt durch mehr Komfort kompensiert. „Menschen bleiben zum Teil länger im Urlaub, buchen die höhere Zimmerkategorie oder ein besseres Hotel, als sie es vor der Pandemie getan hätten“, erzählt Kerstin Heinen. Nach dem Motto „sich wieder etwas gönnen können“ bereiten sich die Veranstalter vor. FTI baut sein Segment an großflächigen Vier- und Fünf-Sterne-Resorts aus. In einigen Fernzielen können Gäste eine eigene Villa mit privatem Pool buchen. Der Konzern rechnet damit, dass Urlauber bis zu 20 Prozent mehr Geld für ihre Reise ausgeben. Auch bei Dertour, Tui und Schauinsland steigt die Nachfrage an Privatpoolzimmern und Hotels in höheren Sterne-Kategorien. Viele Urlauber legen weiterhin Wert auf Abstand. Den bieten Ferienwohnungen, aber auch das ein oder andere Resort. „Die Belegungszahlen können in größeren Hotels niedriger sein. Das bedeutet unter Umständen mehr Abstand als in einem kleineren Hotel“, so Heinen.

Pauschalreisen sind beliebt, da Veranstalter sich um alles kümmern

Das Bedürfnis nach Sicherheit ist weiterhin groß. Nicht nur am Urlaubsort, sondern auch bei der Reisebuchung. „Die Organisation wird deutlich erschwert, wenn man sich ständig Sorgen macht, ob die Reise überhaupt stattfindet oder weitere Bedingungen hinzukommen“, sagt Psychologin Miro. Sie empfiehlt Pauschalreisen, weil sich hier der Reiseveranstalter um die komplette Information und Durchführung kümmert. „Reisende haben rund um die Uhr einen Ansprechpartner, werden vom Veranstalter frühzeitig gewarnt, wenn sich im Reiseziel etwas ändert und auch zurückgeholt, sollte dies notwendig sein“, erklärt Heinen. Bei einer selbst geplanten Individualreise trägt man allein die Verantwortung. Das kann Reisen erschweren. Wer verreist, sollte zudem die Hygienekonzepte der Hotels sowie die Gesundheitsstandards am Urlaubsort kennen.

Trotz Frühbucher- und Flex-Tarifen: Viele entscheiden sich kurzfristig 

Viele Menschen werden den Sommerurlaub erneut kurzfristig buchen – auch wenn einige ihr Reiseziel schon entschieden haben. Früh zu buchen entsprach bislang unserem Bedürfnis nach „Sicherheit, Struktur und Planung“, sagt Christina Miro. In der Pandemie hat sich das geändert. Man geht auf Nummer „sicher“ und bucht spontan. „So kann man besser einschätzen, ob man die Reise antreten kann und reduziert unangenehme Gefühle wie Unsicherheit und Enttäuschung“, erklärt sie. Veranstalter befürchten, dass bei einer starken kurzfristigen Nachfrage die Preise steigen. Zudem wird nicht mehr alles verfügbar sein. Neben den Last-minute-Buchern gibt es derzeit mehr Menschen, die Frühbucherpreise nutzen. Wer sich absichern will, bucht dazu einen Flex-Tarif beim Veranstalter. So kann die Reise binnen einer Frist kostenfrei storniert oder umgebucht werden. Manchmal ist auch eine Corona-Absicherung dabei: Bei einem Positivtest im Zielgebiet entstehen dann keine Kosten für den verlängerten Aufenthalt.