Zum Semesterbeginn suchen wieder Tausende Studierende eine Bleibe. Wer eine bezahlbare Wohngemeinschaft finden will, braucht nicht nur Glück, sondern auch eine kluge Suchstrategie – sowie ein gutes Gespür dafür, mit wem man künftig Küche, Bad und Alltag teilt.
Die klassische WG-Suche folgt einem einfachen Muster: Anzeige lesen, Nachricht schreiben, zum Casting gehen, hoffen. Doch auf angespannten Wohnungsmärkten reicht das längst nicht mehr. Günstige Zimmer sind oft innerhalb weniger Stunden vergeben, manche werden über persönliche Kontakte weitergereicht. Wer Erfolg haben will, sollte deshalb früh beginnen, mehrere Wege gleichzeitig nutzen und auch das eigene Netzwerk aktivieren.
Der WG-Markt: teuer und knapp
Ein WG-Zimmer in Deutschland kostet im Schnitt 512 Euro warm im Monat. Zu diesem Ergebnis kam das Moses Mendelssohn Institut, das zuletzt 10.542 Angebote für das Sommersemester ausgewertet hat. Besonders teuer sind München mit durchschnittlich 800 Euro sowie Hamburg und Berlin mit jeweils etwa 650 Euro.
Wer sich diese Preise nicht leisten kann, sollte dorthin ausweichen, wo das Wohnen noch bezahlbar ist, rät das Forschungsinstitut Empirica. Es hat aktuelle Zahlen für das Wintersemester 2026/27 erhoben. Zu den günstigeren Hochschulstandorten zählen derzeit Greifswald mit durchschnittlich 350 Euro und Siegen mit 365 Euro. In beiden Städten seien die Warmmieten für unmöblierte WG-Zimmer seit 2012 kaum stärker gestiegen als die Verbraucherpreise. Verhältnismäßig günstig seien zudem Göttingen (423 Euro) und Dresden (400 Euro). Allerdings findet sich der gewünschte Studiengang nicht immer am günstigen Hochschulstandort.
„Die Wohnsituation für Studierende ist in den allermeisten deutschen Hochschulstädten äußerst angespannt, der finanzielle Druck durch die Mieten hoch“, sagt Matthias Anbuhl, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Studierendenwerks. Die meisten Studierenden wohnen an Hochschulstandorten, an denen die durchschnittliche WG-Miete über der BAföG-Wohnkostenpauschale von 380 Euro liegt. „Die Pauschale, die zum Sommer 2027 dann auf 440 Euro erhöht wird, liegt auch in dieser Höhe weit unter der durchschnittlichen Miete für ein WG-Zimmer auf dem freien Wohnungsmarkt“, sagt er. Was also tun?
Früh suchen und Übergänge einplanen
„Grundsätzlich gilt, dass so früh wie möglich mit der Suche nach einer Unterkunft begonnen werden sollte, also direkt nach der Studienplatzzusage“, sagt Anbuhl. Die erste Anlaufstelle können Studierendenwohnheime sein. Mit einer bundesweiten Durchschnittsmiete von 318 Euro sind sie vergleichsweise günstig, allerdings keine sichere Lösung. Das Kölner Studierendenwerk etwa bietet rund 5.000 Wohnheimplätze an. Jedoch erhält nur ein Drittel der Bewerbenden ein Zimmer. Viele Studierendenwerke bieten daher zusätzlich private Zimmerbörsen, Last-Minute-Angebote oder in Einzelfällen Notunterkünfte an.
Eine Zwischenmiete für drei oder sechs Monate kann den Druck nehmen. Insbesondere, kurz vor dem Wintersemester, wo 90 Prozent der Studiengänge starten. „Im November und Dezember wird die WG-Suche oft etwas entspannter, weil die Nachfrage geringer ist“, sagt Rahel Schüssler, die sich als Referentin für BAföG und studentisches Wohnen beim Freien Zusammenschluss von Student*innenschaften (fzs) engagiert.
Wer breiter sucht, hat bessere Chancen
Die großen Portale wie WG-Gesucht und Kleinanzeigen bleiben laut ihrer Erfahrung wichtig. Sie sind aber nicht der einzige Zugang zum Markt. Wer ausschließlich auf die neuesten Angebote reagiert, konkurriert mit sehr vielen Menschen.
Zusätzliche Chancen auf eine WG bieten:
Hochschulgruppen und Fachschaften: Manche Angebote erscheinen zunächst nur in Hochschulverteilern, auf digitalen Pinnwänden oder in geschlossenen Gruppen.
Gerade bei Auslandssemestern, Praktika und kurzfristigen Studienortwechseln werden Zimmer direkt weitergegeben.
Alumni- und Jahrgangsnetzwerke: Ehemalige Studierende vermieten gelegentlich an Nachfolgende aus demselben Studiengang.
Arbeitgeber und Ausbildungsbetriebe: Für dual Studierende gibt es zum Teil Mitarbeiterwohnungen, Kooperationen mit Wohnheimen oder interne Wohnungshinweise.
Auch soziale Netzwerke können helfen. „Einen Aufruf in der Instagram-Story zu posten, kann ein internes Schneeballsystem auslösen“, sagt Schüssler. Manchmal reicht ein Kontakt zu jemandem, der bereits am Studienort lebt, und die Story teilen kann. Auch WG-Bewohnende oder privat Vermietende nutzen Instagram, um Zimmer weiterzugeben.
Hilfreich ist zudem, den Suchradius nicht nur nach Stadtteilen, sondern nach Fahrzeit zu definieren. Etwa nach Tür-zu-Tür-Zeit: Wie lange dauert der Weg zur Hochschule, und wie zuverlässig ist die Verbindung?
Die erste Nachricht an die neue WG: besser konkret statt oberflächlich
Bei stark nachgefragten Zimmern liest die WG oft Dutzende Nachrichten. Eine austauschbare Selbstdarstellung wie „Ich bin offen, freundlich und zuverlässig“ bleibt kaum hängen. Besser ist eine kurze, persönliche Nachricht. „In der ersten Kontaktaufnahme sollte man etwas über sich selbst erzählen – zum Beispiel, was man gerne macht und wie man sich das Zusammenleben vorstellt“, rät Schüssler. Wichtig sei zu zeigen, dass man die Anzeige gelesen hat. Das könne man gut, indem man Anknüpfungspunkte aus dem Inserat sucht, so die Referentin.
Das WG-Casting ist für beide Seiten da
Beim Kennenlerntermin geht es dann nicht nur darum, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Bewerbende sollten die Gelegenheit nutzen, die WG auf ihren möglichen Alltag zu prüfen. Fragen kann man: Wie oft wird gemeinsam gekocht oder gegessen? Wie werden Putzaufgaben verteilt? Oder: Wie lange wohnen die anderen schon hier?
„Studierende sollten sich fragen, wie viel Gemeinschaft sie möchten und wie viel Rückzug sie brauchen“, sagt Schüssler. Eine Zweck-WG kann für manche genau richtig sein, andere erwarten gemeinsame Mahlzeiten und regelmäßige Unternehmungen.
Auch die Wohnung sollte man sich zeigen lassen. „Der Zustand sagt viel aus“, erzählt sie. Wie aufgeräumt und sauber ist es? Gibt es muffigen Geruch oder Feuchtigkeit? „Wenn die Mitbewohner offensichtlich keine Mühe in die Wohnung stecken, sollte man sich fragen, ob man dort wirklich wohnen möchte“, sagt Schüssler.
„Wenn nicht alle Mitbewohner bei der Besichtigung dabei sein können, sollte man trotzdem versuchen, mit einigen zu sprechen – oder sich über diese berichten zu lassen.“ Wer aus dem Ausland oder einer anderen Stadt kommt, kann ein Live-Video-Gespräch mit den Bewohnenden vereinbaren.
Mietvertrag prüfen und sich helfen lassen
Auch die Finanzen gehören zum Casting. „Bei einer ungewöhnlich hohen Kaution oder Ablöse sollte man ehrlich nachfragen, wie sich die Summe zusammensetzt“, rät Schüssler. Transparent geregelt sein sollte außerdem, wer Hauptmieter ist und mit wem der Untermietvertrag geschlossen wird. „Studierende sollten sich den Mietvertrag zeigen lassen und genau klären, wie das Mietverhältnis geregelt ist.“
Wer dennoch kurz vor Semesterbeginn in Stress gerät, kann Freunde oder Familie in die Suche einbeziehen, zum Beispiel als zweite Person bei einer Besichtigung oder zum Gegenlesen des Vertrags, rät Schüssler. Manchmal lohnt sich das auch schon im Vorfeld. Etwa, wenn jemand vor der Besichtigung Geld für einen Schlüssel oder eine Reservierung verlangt, sagt sie. Verbraucherstellen warnen vor angeblichen Vermietern im Ausland, unrealistisch günstigen Angeboten sowie eine Kommunikation ausschließlich per E-Mail und Vorabzahlungen.

