Verständlich schreiben – das klingt nach Klarheit. Nach Struktur. Und doch scheitern kluge, gebildete, engagierte Menschen jeden Tag daran. Nicht, weil sie nichts zu sagen hätten. Sondern weil sie gelernt haben, Sprache anders zu benutzen.
Wer in deutscher Sprache aufgewachsen ist, hat früh erfahren: Sprache ist Leistung. In der Schule werden nicht die klarsten Texte belohnt, sondern die komplexesten. Lange Sätze gelten als „reif“. Nominalisierungen als „wissenschaftlich“. Passivkonstruktionen als „sachlich“. Wer einfach schreibt, läuft Gefahr, als banal zu gelten.
Wir lernen Sprache als Machtinstrument
Der Deutschunterricht prägt uns nachhaltig. Wir analysieren Gedichte, interpretieren Dramen, schreiben Erörterungen. Was wir dabei üben, ist Distanz. Objektivität. Zwei Haltungen, die wir im Journalismus gebrauchen können. Aber Verständlichkeit? Sie wird nicht systematisch gelehrt. Sie wird vorausgesetzt.
Wer nach der Schule an die Universität wechselt, erkennt, dass sich das Muster verschärft. Wissenschaftliche Texte sind häufig geprägt von:
- Nominalstil („Zur Durchführung der Evaluation erfolgte…“)
- Passivkonstruktionen („Es wurde festgestellt…“)
- Fachterminologie als Abgrenzung
- Schachtelsätzen mit mehreren Nebensätzen
Diese Sprache hat eine Funktion: Sie signalisiert Zugehörigkeit zu einer Fachgemeinschaft. Sie schafft Autorität. Aber sie schafft auch Distanz – zum Leser und zur Leserin.
Das deutsche Erbe der Amtssprache
Hinzu kommt eine kulturelle Prägung. Die deutsche Verwaltungssprache ist historisch gewachsen aus Bürokratie, Hierarchie und Rechtssicherheit. Jeder, der schon einmal einen behördlichen Bescheid gelesen hat, weiß, was das bedeutet.
Typisch sind:
- substantivierte Verben („Inanspruchnahme“, „Durchführung“)
- komplexe Satzgefüge
- juristische Absicherung durch endlose Einschübe
Klarheit steht hier oft hinter Eindeutigkeit zurück. Lieber kompliziert und juristisch wasserdicht als einfach und missverständlich.
Diese Haltung sickert in Unternehmen, Institutionen, Organisationen. Und geht auf Auszubildende, Uni-Absolvent:innen und Fachkräfte über.
Schreibstile, die uns prägen
Wir imitieren, was wir lesen. Und wir lesen viel formale Sprache:
- Schulbücher
- Fachartikel
- Gesetzestexte
- Geschäftsberichte
- akademische Arbeiten
Was wir selten lesen, zumindest im professionellen Kontext, sind klare, dialogische, adressatenorientierte Texte.
Dabei gibt es sie. Die journalistische Tradition in Deutschland kennt präzise, kraftvolle Sprache. Reportagen, Kommentare, Berichte und Interviews zeigen, wie konkret und nahbar Deutsch sein kann.
Und auch manch junges oder sich verjüngendes Unternehmen, schreibt heute bewusst anders. Anders im Sinne von klar, einfach und konkret: verständlich eben.
Die Angst vor Einfachheit
Ein weiterer Grund liegt tiefer: Viele fürchten, durch klare Sprache an Autorität zu verlieren. Wer verständlich schreibt, macht sich angreifbar. Wer konkret wird, zeigt Haltung. Wer aktiv formuliert, übernimmt Verantwortung.
Ein Satz wie
„Wir haben einen Fehler gemacht“
ist mutiger als
„Im Prozessablauf kam es zu Unregelmäßigkeiten.“
Verständliche Sprache verlangt Entscheidung. Sie zwingt zur Klarheit im Denken. Und genau dort beginnt die eigentliche Herausforderung: Wer unklar denkt, schreibt unklar.
Digitalisierung verschärft das Problem – und bietet Chancen
E-Mails, Messenger, soziale Medien: Wir schreiben heute mehr denn je. Gleichzeitig fehlt oft Zeit für Struktur. Texte werden schnell produziert, nicht überarbeitet. Es entstehen Fehler und Missverständnisse.
Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für verständliche Sprache. Unternehmen investieren in klare Kommunikation. Behörden entwickeln Leitfäden für Bürgernähe. Journalismus steht unter Druck, komplexe Themen zugänglich zu erklären.
Das ist eine Chance.
Verständlichkeit ist kein Talent, sondern Training
Klar schreiben bedeutet:
- kurze, aktive Sätze
- starke Verben statt Nominalisierungen
- konkrete Beispiele
- klare Struktur
- Orientierung am Lesenden
Das ist lernbar. Es ist Handwerk. Und es beginnt mit einer ehrlichen Analyse der eigenen Prägung.
Wer sich fragt: Warum schreibe ich so kompliziert?
stößt oft auf alte Muster: Schulaufsätze, Seminararbeiten, Vorgaben von Vorgesetzten.
Diese Muster darf man hinterfragen. Und ablegen.
Ein Plädoyer für verständliche Sprache
Es ist nie zu spät, verständlich schreiben zu lernen.
Nicht als Stilübung. Sondern als Haltung.
Verständliche Sprache ist Respekt gegenüber dem Lesenden. Sie spart Zeit. Sie schafft Vertrauen. Sie macht Wirkung möglich.
Wer klar schreibt, denkt klar.
Wer klar denkt, überzeugt.
Und genau deshalb lohnt es sich, alte Sprachgewohnheiten bewusst zu durchbrechen, selbst wenn sie uns jahrelang als Qualitätsmerkmal verkauft wurden.
Verständlichkeit ist kein Verzicht auf Tiefe.
Sie ist der Beweis, dass man sie wirklich beherrscht.
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