Der Kölner Chlodwigplatz und seine Vringspooz

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Ein zentraler Anlaufpunkt, ein historisches Denkmal oder eine besondere Architektur – manchmal sind es auch einfach nur die Menschen, die einen Platz prägen und lebendig halten.

Das Severinstor ist eines der wenigen erhaltenen Teile der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Die mächtige Vringspooz, wie sie die Kölner nennen, schützte die Innenstadt einst vor Angreifern aus dem Süden. Heute trifft hier das südliche Altstadtviertel auf die Neustadt-Süd. Über die Jahrhunderte hat sich der Platz zu einem wichtigen Verkehrskreuz und Treffpunkt entwickelt.

 

Treffpunkt statt Flaniermeile

Die Hobby-Historikern Sabine Eichler erforscht seit acht Jahren das Leben in der Südstadt seit dem 19. Jahrhundert. Insbesondere beschäftigt sie sich mit der Zeit ab 1881, als die Stadtmauer in Köln abgerissen wurde. Eichler recherchierte in etlichen historischen Archiven und befragte über 60 Kölner Zeitzeugen. Der älteste Südstädter mit dem sie sprach kam 1911 zur Welt. „Der Chlodwigplatz war jeher ein wichtiger Ausgangsort, um Einkäufe zu erledigen“, sagt Eichler. „Was heute ein großer Supermarkt unter einem Dach anbietet, verteilte sich damals auf verschiedene kleine Läden für Feinkost, Brot oder Milch.“ Da der innerstädtische Verkehr vor dem Ersten Weltkrieg stärker zunahm, wurde der Platz in den 20ern großflächig umgestaltet. Die Blumenrabatte mussten einer Straßenbahnhaltestelle weichen. Der Platz wurde trister und lud nun weniger zum längeren Verweilen ein. „Für einen Austausch über Neuigkeiten war jedoch noch Zeit“, erzählt Eichler. „Vor allem wenn sich die Leute auf dem Weg in die Innenstadt trafen oder am Chlodwigplatz aus der Ringbahn stiegen.“ In der Freizeit verabredeten sich die Menschen auf dem Platz, um gemeinsam ein nahe gelegenes Wirtshaus zu besuchen. „Zum Flanieren gingen die Anwohner aber lieber auf den Ubierring oder Sachsenring, wo früher schöne Parkanlagen waren“, sagt Eichler. Bis etwa 1920 war der Chlodwigplatz fast vollständig begrünt. Vor dem Severinstor blühte ein üppiges Blumenbeet, während um den Platz herum die Stadtbahn und Autos fuhren.

Meine Heimat – der Chlodwigplatz

Neben einem zentralen Treffpunkt repräsentiert der Chlodwigplatz auch die Heimat vieler Ureinwohner und Zugezogenen. Wolfgang Niedecken von der Kölschrockband BAP sagte einmal: „Gäbe es einen Ort, wo man einen Zirkel einstechen könnte, um meinen Mittelpunkt der Welt zu markieren, dann wäre dies der Chlodwigplatz“. Hier wuchs er auf, lebte er und zog als Musiker durch die umliegenden Kneipen. Seine Eltern besaßen auf der Ecke zur Severinstraße einen kleinen Lebensmittelladen, über den die heutige „Südstadt-Ikone“ viele Vringsveedeler und Südstädter kennenlernte. Zu Ehren seines Veedels entstand 1881 das Lied „Südstadt, verzell nix“. 1992 toppte Niedecken seine Heimatliebe mit einem Konzert vor 100.000 Menschen auf dem Chlodwigplatz. Die Kölner Musikszene hatte zum Protest gegen Ausländerfeindlichkeit aufgerufen. Unter dem Motto „Arsch huh – Zäng ussenander“ beteiligten sich neben BAP auch die Bläck Fööß, die ihre ersten Lieder vor 40 Jahren in der Ringschänke am Chlodwigplatz spielten.

 

Mächtiges Severinstor

Severinstor
Severinstor Foto: Evelyn Steinbach

Doch zurück zu den Ursprüngen des Bodendenkmals: Der Chlodwigplatz verdankt seinen Namen einem fränkischen König aus der Dynastie der Merowinger. Chlodwig I. war ein konvertierter Katholik, der während seiner Herrschaft ab 486 n. Chr. das damalige Frankenreich in Mitteleuropa vereinigte.

 

Den gewaltigen Festungsbau gab es zu seiner Zeit noch nicht. Die viergeschossige Severinstorburg wurde erst Anfang des 13. Jahrhunderts erbaut. Sie ist Teil einer sieben Meter langen Stadtmauer gewesen, die das mittelalterliche Köln und insbesondere die südlichen Klöster und die in Richtung Bonn führende Severinstraße schützen sollte. Gleichzeitig wollte Köln Stärke demonstrieren: Vier Meter dicke Außenmauern stämmen das 28 Meter hohe Tor; schwere Zinnen säumen die sechseckige Dachform. Über dem Sockel befand sich damals eine dreiseitige Kampfplattform, die mit der Stadtmauer abschloss. Später wurden an den Seiten zweistöckige Eckwarten angebaut, die ursprünglich mit Zinnen, heute mit Kegelhelmen bedacht sind.

 

Severinstorburg am Chlodwigplatz von der Seite
Eingang Severinstorburg von der Seite
Foto: Evelyn Steinbach

Wer Köln im Mittelalter besuchen oder verlassen wollte, musste im Süden durch die Porta Severin, wie sie nach der Pfarrerei St. Severinus genannt wurde. Dazu hob oder senkte sich ein schweres Fallgitter, dass streng bewacht wurde. Für die Kölner spielte das Öffnen des Tores auch im Strafvollzug eine entscheidende Rolle. Verbrecher oder Gefangene, die zum Staupenschlag verurteilt wurden, mussten unter einer Tracht Prügel über die Severinstraße laufen. Die Menschen am Straßenrand schlugen mit Knüppeln auf sie ein. Wer die Tortur überlebte und bis zur Bäckerei „Schmitz Backes“ kurz vorm Chlodwigplatz kam, war befreit und konnte die Stadt durch das Tor verlassen.

Ganz anders zeigte sich der Chlodwigplatz, wenn Adlige, Prinzen oder Könige in der Stadt wahren. Der Festungsbau wandelte sich zu einem repräsentativen Ort. Um den hohen Besuch zu empfangen, wurden vor der Torburg Reitturniere und Minnespiele veranstaltet. Die Innenräume wurden als Speisezimmer hergerichtet.

 

Reste der Stadtmauer

Im Mittelalter gab es zwölf große Stadttore in Köln. Erhalten geblieben sind nur noch dieses Severinstor am Chlodwigplatz, die Hahnentorburg am Rudolfplatz und die Eigelsteintorburg am gleichnamigen Eigelstein. Als viertes kann die kleine Ulrepforte am Sachsenring hinzugezählt werden. Da sie aber an keiner feldseitigen Zufahrtsstraße lag, ist sie verkehrsmäßig kaum bedeutend gewesen. Am Sachsenring sowie an der Severinstorburg schließt noch ein Rest der ehemaligen Stadtmauer an.

 

1881 wurden die Mauern fast vollständig abgerissen. Die Geschosse im Severinstor wurden fortan als Museum genutzt: zunächst als Naturkundemuseum, später zog eine Hygieneausstellung ein. Während der NS-Zeit traf sich die Kölner Hitler-Jugend im Turm. 1979 wurden die Räume für die freie Nutzung der Bürger umgebaut. Seitdem können einzelne Räume für private Feiern, Tanzkurse oder Theateraufführungen gemietet werden. Beispielsweise auch für Hochzeitsfeiern, denn die Torburg gilt als offizieller Trauort der Stadt Köln.



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