Das Wichtigste, wenn man als Erwachsener mit dem Ski fahren beginnt, ist die Angst vor der Abfahrt zu überwinden. Was man in vier Tagen Privatkurs auf der Piste lernt. Ein Selbstversuch.

Alle sprechen darüber. Auf der Arbeit. In der Bahn. Im Café. Spätestens im Oktober beginnen die Pläne für den perfekten Winterurlaub, die Suche nach den besten Skigebieten und den tollsten Schneeabenteuern. Nur nicht bei mir. Auf die Frage „Fährst Du Ski?” habe ich bislang immer mit einem klaren „Nein” geantwortet. Meine Eltern haben nie Wintersport betrieben. Meine Urlaube verbrachte ich fast immer am Meer.

06_Erste Versuche ohne Stöcker (c)Tobias Blumtritt
Die ersten Versuche auf Skiern – Alle Fotos: Tobias Blumtritt

Doch diesen Winter soll es anders werden. Nicht nur weil mein Mann ein guter Skifahrer ist, sondern auch weil ich mitreden will. Über Schneepanoramen, die besten Routen und einfachsten Skitechniken. Ich melde mich als Mitdreißigerin für einen Privatkurs an der Schischule Stubai im Tiroler Örtchen Fulpmes an. Hier in den Stubaier Alpen stehe ich das erste Mal auf den langen Brettern.

Die Schlick 2000, so wie eines der Skigebiete heißt, hat sich auf Neulinge wie mich gerade zu vorbereitet. Das wird mir klar, als ich mit Skilehrer Jonas Oberrauch (26) nicht am Berg, sondern auf der eigens dafür angelegten „Übungswiese” hinter der Schule stehe. Gemeint ist der Idiotenhügel, das kleine Stückchen Abfahrt, auf dem kleine Kinder, Teenager und Erwachsene üben, bevor sie auf eine echte Piste dürfen.

 

 

Haltung auf Skiern – gar nicht so einfach

Ich probiere auf den Skiern zu stehen, Füße und Beine abwechselnd links und rechts zu belasten. „Sich an das Gerät gewöhnen”, nennen das hier die Fachmänner. Jonas erklärt: „Wenn du parallel zum Hang stehst zeigt der Bergski immer etwas nach vorne.” Ok, das kriege ich hin. Danach ist die alpine Skihaltung dran. „Mittig stehen, die Hüfte zum Berg drehen“, sagt Jonas während er zur Bewegung ansetzt. „Dabei bleibt der Oberkörper stabil und lehnt nach vorne.” Es fühlt sich merkwürdig an, wie sich mein Körper bei der Haltung verdrehen muss. Jonas scheint aber zufrieden zu sein. Mir wird warm, obwohl ich noch keinen Pistenmeter gefahren bin. Etwas verkrampft und kurzatmig stehe ich neben dem gelassenen Profi und höre zu, welcher Schritt als nächstes folgt.

49_Übungen (c)Tobias Blumtritt
Übung: Stöcke nach hinter den Rücken nehmen und immer dem Ski-Lehrer hinterher

Langsam tasten wir uns an die erste Bremsposition heran: Gewicht auf die innen liegenden Kanten geben, Knie nach innen beugen und die Skispitzen zusammenführen. Schneeflug nennt das der Skifahrer. In dieser Position fahre ich schleichend den Hügel herunter. Kinder flitzen vorbei und schauen mich an. Mein Fahrstil muss komisch aussehen. Etwa auf der Mitte des Übungshügels beginnen wir aus dem Pflug heraus einen großen Slalom zu fahren. Das heißt der erste Teil wird parallel zum Berg gefahren, in der Kurve setze ich zum Pflug an, und drehe auf die andere Seite. Jonas fährt voraus, ich versuche zu folgen. Nach zwei Kurven falle ich rücklings zu Boden. „Du hast dich nach hinten gesetzt”, ruft Jonas. „Das darfst du nicht”. Leicht enttäuscht sortiere ich die Skier unter mir und versuche mit seiner Hilfe wieder aufzustehen, die Innenkanten fest in den Schnee gepresst.

Mir ist nach einer Pause. Doch bevor ich diesen Wunsch äußern kann, gibt Jonas das Zeichen weiterzufahren. Wir gleiten in langsamem Tempo den restlichen flachen Teil des Hanges hinunter, um uns mit dem Schlepplift wieder hochziehen zu lassen.

 

Saubere Pflugkurven fahren

03_Tellerlift_Übungswiese (c) Tobias Blumtritt
Auch LIft fahren will gelernt sein

Es geht weiter mit der Überei. Diesmal fahren wir ohne Stöcker. „Die brauchst Du eigentlich gar nicht”, sagt Jonas. Bis eben hatte ich geglaubt, dass wenigstens die mir einen Halt auf den Skiern geben. Stattdessen soll ich die Arme während der Pflugkurven zur Seite strecken und sie danach auf das innere Knie legen. Das würde mir helfen, in die besagte Skihaltung zu finden. Ich muss ihm recht geben. Ohne Stöcker achte ich deutlich mehr auf meinen Körpereinsatz. Die Innenkante des Talskis erhält mehr Gewicht, so dass ich den Slalom jetzt etwas enger fahren kann.

Meine größte Angst hier am Hang, das Tempo, bekomme ich langsam in den Griff. Das sieht auch der Profi und lässt mich die Übung einige Male wiederholen. Die kleinen Skischüler neben mir fahren mit ähnlichen Übungen vorbei. Ihre neugierigen Blicke strahlen zum ersten Mal Verbundenheit aus. „Morgen üben wir auf der blauen Piste”, sagt Jonas. Ich lächele übers ganze Gesicht. Ob vor Freude oder Erleichterung, das der erste Skitag geschafft ist, ich kann es nicht genau sagen.

 

Eine Hilfe kann auch die passgenaue Ausrüstung sein

11_Skischuhe anpassen_(c)Tobias Blumtritt
Georg Tanzer vom Skiverleih passt die Skischuhe auf den Skiern an

Eine gute Ausrüstung ist Vorraussetzung für den Erfolg auf Skiern. “Wichtig für einen Anfänger ist, dass er einen leicht drehbaren Ski nimmt”, sagt Georg Tanzer vom Skiverleih in Fulpmes. Beispielsweise einen „Rocker”-Ski, eine Variante der weit verbreiteten Carving-Skier. „Er ist vorne leicht aufgebogen, damit er sich schneller und einfacher drehen lässt”, so Tanzer. Der Nachteil sei, dass der Rocker sich bei höherem Tempo etwas unruhig verhält. Für fortgeschrittene Fahrer ist er daher weniger geeignet, sagt er.

„Die Länge eines Skis für Anfänger darf maximal bis zur Nasenspitze reichen”, empfiehlt er. Für Skistöcker gilt der Boden bis zum rechten Winkel der Unterarme als Maß. Wichtig ist ebenso, dass der Skischuh nicht zu locker sitzt und von der Größe passt. „Überprüfen kann man dies, indem man drin steht und ein bisschen die Schuhspitze spürt. Dann ist´s gut”, sagt Tanzer. 

Der nächste Tag bricht an, wir trainieren weiter: mit Stöcken und ohne, mit Pflugkurven und Stopps. Diesmal auf einer offiziellen Piste. Von der Talstation in Fulpmes fährt die Bergbahn bis hinauf zum Kreuzjoch in über 2000 Meter Höhe. Ein kurzer Blick bleibt mir, um die schroffen Spitzen der Kalkkögel zu bewundern, einer Bergkette zwischen Inntal und Stubaital, die wie nebeneinander aufgereihte Felstürme das Skigebiet in der Schlick bewachen.

Dann beginne ich auf der blauen Piste mit der bezeichnenden Nummer eins den ersten Schwung aufzunehmen. Jonas fährt wie immer voraus. Wie im Lehrbuch, denke ich, und gleite etwas holprig hinter her. Seinen Spuren genau zu folgen fällt mir schwer. Besonders dann, wenn die Strecke steiler wird und die Skier wie von selbst Fahrt aufnehmen. Die Technik versagt unter mir und ich lande mal wieder in Schräglage.

07_Stöcker in der Schlick (c) Evelyn Steinbach
Zeit für eine Skipause

Ans Aufgeben ist trotzdem nicht zu denken. Ich probiere erneut, mich beim Parallelfahren in Richtung Tal zu drehen. Es funktioniert. Für ein paar Minuten fühle ich mich wie eine richtige Skifahrerin. Ich grinse innerlich den routinierten Fahrern auf der Piste hinterher und träume davon, irgendwann eine von denen zu sein. Bis Jonas an einem Abzweig stehen bleibt und mir die nächste Anfängerübung zeigt: Tretroller fahren, das heißt Skilaufen auf einem Bein. So holprig, wie ich jetzt unterwegs bin, erkennt mich jeder von weitem.

Am Nachmittag verlässt mich die Kraft. Ich halte durch bis zur Mittelstation und traue mich, die letzten ebenen Meter in Schussposition zu fahren. Das Aprés-Ski-Bier habe ich mir heute verdient.

 

 

 

 

Nach zwei Tagen geht´s auf den Gletscher

66_Stubaier Gletscher (c)Tobias Blumtritt
Imposant: der Stubaier Gletscher

Am dritten Tag wechsele ich das Skigebiet und fahre zum nahe gelegenen Stubaier Gletscher bei Neustift, dem größten Gletscherskigebiet in Österreich, hinauf. Das ganze Tal hat die letzten Tage von nichts anderem als Neuschnee gesprochen. Jetzt ist er da. Zusammen mit Wind und leichtem Nebel. Auch das gehört wohl zum Skifahren dazu, erkenne ich, während eine leise Angst durch meinen Körper zieht. Ich treffe Landesskilehrer Roland Lenzi, einen redegewandten 25-Jährigen aus Innsbruck. Er erzählt mir, dass er vor seinem jetzigen Job als Skilehrer an der Stubaier Schischule, lange beim Militär war und ausgebildeter Lawinenretter ist.

Nun weiß ich, dass er mit vielen unvorhersehbaren Situationen umgehen kann. Aber ob ich? Mir bleibt nicht viel Zeit darüber nachzudenken, schon stehen wir vor der ersten Abfahrt, während um uns herum der Schneesturm wirbelt. „Hier kommst du mit den Pflugkurven nicht weit”, sagt Roland. „Versuche direkt parallel umzusetzen.” Leichter gesagt, als getan. Durch den pulvrigen Neuschnee sacke ich so tief ein, dass beim Drehen doppelte Kraft erforderlich ist. Schon nach den ersten Pistenmetern geht mir die Puste aus. Doch die Blöße will ich mir nach einer halben Stunde Skiunterricht nicht geben. Ich bewege mich zwischen Fahren und Rutschen in großen Schlangenlinien den Berg runter. „Gut gemacht”, lobt Roland. „Du hast Talent.” Jedenfalls bis zu einem bestimmten Punkt, räumt er später auf einen Kaffee im Bergrestaurant ein. Dann verschieben wir unser Training auf morgen.

29_Wegweiser Gletscher mit Skilehrer Roland (c)Tobias Blumtritt
Wir nehmen uns erst einmal die „leichten“ Pisten auf dem Gletscher vor

Durch das Gondelfenster strahlt die Sonne, als wolle sie sagen: Schau, welch schöne Berglandschaft der Neuschnee für dich gebracht hat! Tatsächlich: Der Stubaier Gletscher zeigt sich heute, am letzten Tag meines Experiments auf Skiern, wie ausgewechselt. Die Sonne glitzert auf dem frisch gewalzten Schnee. Freerider hinterlassen ihre schlangenförmigen Spuren abseits der Piste. Die weißen Gipfel begrüßen die Wintersportler auf 3000 Höhenmetern.

 

41_Flugfahren3 (c)Tobias Blumtritt
Strahlender Sonnenschein – am Ende wird Skifahren zum Genuss

Angst ist heute kein Begleiter von mir. Ich fahre und fahre. Kleine Kurven, große Kurven, ein paar Versuche in Parallelschwung. An steilen Pässen rutsche ich einfach seitlich herunter. Auch das ist eine Methode, die Abfahrt zu überwinden, begreife ich. „Was Dir jetzt noch fehlt ist ein bisschen mehr Geschwindigkeit”, sagt Roland, der an jeder Pistenkurve auf mich warten muss.

Unterwegs plane ich immer mal wieder einen Stopp ein. Kondition und Kraft lassen nach, die Oberschenkel brennen. Die letzten Meter überwinde ich mich und lasse die Skier einfach laufen. „Geht doch”, ruft Roland. Die Lektion habe ich bestanden.

Infos zum Stubaital 

Das Stubaital liegt ca. 15 Kilometer von der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck entfernt. Über 35 Kilometer lang erstreckt sich das Tal tief in die Bergwelt der Stubaier Alpen mit 80 Gletschern und 109 Dreitausendern. Höchster und bekanntester Berg ist das Zuckerhütl mit 3507 Metern. Die Stubaier Hauptorte Neustift, Fulpmes, Telfes, Mieders und Schönberg auf 1000 Metern liegen in unmittelbarer Nähe der Skigebiete.

Skigebiete

Schlick 2000, Fulpmes

Familienskigebiet mit 15 Abfahrten, zwei Seilbahnen, ein 6er-Sessellift, ein 4er-Sessellift, fünf Schlepplifte sowie Kinderland und Kinderbetreuung. Weitere Wintersportangebote: Höhenloipen, Schneeschuh- und Winterwanderwege, Nachtrodeln. Sitz der Schischule Stubai Tirol.

Stubaier Gletscher, Neustift

Österreichs größtes Gletscherskigebiet mit 35 Abfahrten, 26 Seilbahn- und Liftanlagen und Schneegarantie von Oktober bis Juni. Längste Abfahrt über zehn Kilometer (von der Bergstation Wildspitz 3210 Meter bis zur Talstation Mutterberg 1750 Meter), steilste Abfahrt „Daunhill”. Darüber hinaus Angebote für Skianfänger (vier Skischulen), Freerider, Kinder und Familien. Gipfelplattform „Top of Tyrol” mit 360-Grad-Rundblick.

Elfer Lifte, Neustift

Kleines Skigebiet mit drei anspruchsvollen Abfahrten, eine Seilbahn, drei Schlepplifte, beleuchtete Nachtrodelbahn, zwei Naturrodelbahnen und die größte begehbare Sonnenuhr im Alpenraum.

Serlesbahnen, Mieders

Familienskigebiet mit sechs Abfahrten, einer Kabinenbahn, drei Schleppliften. Rodelparadies mit Nachtrodeln und schönen Winterwanderstrecken.

Vier Tage Superskipass für alle Stubaier Skigebiete: 159 Euro pro Person.

Anreise

Auto: Von Innsbruck in ca. 20 Minuten, von Bozen und München ca. zwei Stunden direkt über die Inntal bzw. Brenner Autobahn.

Bus: Direkte Buslinie vom Hauptbahnhof Innsbruck in ca. 45 Minuten.

Bahn: Mit der Deutschen Bahn bis ins Stubaital. Mit der Stubaitalbahn vom Hauptbahnhof in Innsbruck in ca. 45 Minuten nach Fulpmes.

Flugzeug: Nahegelegene Flughäfen befinden sich in Innsbruck (15 km), Salzburg (180 km), München (210 km).

Übernachten

Rund 4700 Betten in Ferienwohnungen, Pensionen und Bauernhöfen; ein Fünf-Sterne-Hotel, weitere 64 Häuser der Drei- bis Vier-Sterne-Plus-Kategorie.

Informationen unter www.stubai.at